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Liebevoll durchdacht war das Pro gramm, das Naji Hakim der kleinen Zuhörerschaft
im Großen Saal des Konzerthauses präsentierte. Die Pariser Orgeltradition
des 20. Jahrhunderts verbunden mit der Liebe zur liturgischen Musik nahm
klingend Gestalt an. Die Leidenschaft für "sein" Instrument ist bei Hakim
in jedem Ton spürbar. "Es war Liebe auf den ersten Klang", erzählt der 1955
in Beirut geborene Musiker.
"Ich
war fünf Jahre alt und ging zum ersten Mal in die Frühmesse. Ich erinnere
mich noch genau, dass die Kirche in Beirut drei große Portale hatte, und
ich weiß noch, durch welches wir hinein gingen. Als ich dann die Orgel, diesen
berauschenden Klang hörte, wusste ich, dass ich dieses Instrument spielen
wollte - und zwar für den Gottesdienst."
Der Weg zur Orgel führte über das Klavier, ein
ungeliebter Weg, den der Bub nur unter Protest akzeptierte. Einzig der Orgel
galt sein ganzes Interesse. "Als ich zwölf war, schlichen mein Bruder und
ich in die Schulkapelle. Die Orgel war versperrt. Aber es war ein altes Schloss,
und irgendwie haben wir es aufbekommen. Da standen wir nun und wussten gar
nicht, wie man das Instrument einschaltet. Als wir den Schalter fanden,
war ich vollkommen fasziniert, als das Gebläse der Orgel in Gang kam. Bei
den Registern kannte ich mich natürlich nicht aus, aber ein Knopf, über dem
,Tutti' stand, war allzu verlockend. Vor dem vollen, imposanten Orgelklang
bin ich aber dann Hals über Kopf davongelaufen." Die Strafe des Schuldirektors
und ein zweites - modernes - Schloss an der Orgel schob der Sehnsucht zunächst
wahrlich einen Riegel vor.
1975 ging Hakim nach Paris, wurde Schüler von
Jean Langlais. Der Meister, der in der Tradition Cesar Francks unterrichtete,
wurde Lehrer, Mentor und Vaterfigur für den jungen Musiker. "Er hat mich
stets ermutigt, setzte immer volles Vertrauen in mich - von der ersten Unterrichtsstunde
an. Das hat mir viel Energie und Motivation gegeben." Die Bewunderung für
den Lehrer dauert an. "Er inspiriert mich bis heute, vor allem seine Kunst
der Improvisation. Ich hatte viele Lehrer in den unterschiedlichsten Fächern
- Komposition, Kontrapunkt, Improvisation, ich habe ja auch ein abgeschlossenes
Ingenieursstudium - aber Langlais war der Meister. Ein echter Lehrer bringt
einem nämlich nicht etwas Bestimmtes bei, sondern lehrt einen zu sein."
Er sieht sich selbst als Musikliebhaber. Mit
Vorbildern ist der zurückhaltende Wahl-Franzose daher sparsam. "Ich bin als
Zuhörer sehr kritisch, manche würden sagen kleinlich. Aber vor manchen Musikern
habe ich aufgrund ihrer Einstellung größten Respekt." Glenn Gould gehört
dazu. "Er verstand die Kluft, die sich zwischen den ausübenden Musikern früherer
Zeiten und denen von heute aufgetan hat. Früher war ein konzertierender Musiker
auch Komponist und Publikum. Denken Sie an Haydn, Mozart, Mendelssohn. Da
gab es keine Spartentrennung. Sie suchten den Dialog mit dem Publikum. Das
ist heute nicht mehr so." Umso mehr wirkt sich der Komponist Hakim auf den
Interpreten Hakim aus. Und der Komponist hat zwei große Vorbilder. "Strawinsky
und Gershwin. Ich habe eine ,Hommage à Strawinsky' komponiert, ohne ein einziges
Thema von Strawinsky zu zitieren. Wie ich bei Strawinsky den Rhythmus liebe,
schätze ich bei Gershwin das Melodische und Harmonische. In meiner ,Gershwinesca'
verarbeite ich mehr als 20 seiner Themen."
Dem ursprünglichen Wunsch des fünfjährigen Buben,
die Orgel nicht nur im Konzert, sondern auch im Gottesdienst zu spielen,
ist Hakim stets treu geblieben. 1993 wurde er der Nachfolger Olivier Messiaens
in der L'église de la Trinité in Paris. Als Erbe einer Tradition sieht er
sich aber nicht. "Eine musikalische Tradition in dem Sinne gab es schon zur
Zeit Messiaens nicht mehr. Das Zweite Vatikanum hat zum Untergang der liturgischen
Musik geführt. Heute sind wir am Tiefpunkt angelangt. Was mich mit Messiaen
verbindet, ist sein christlicher Glaube und der Wunsch, Musik zum Ruhme Gottes
zu schreiben. Allerdings gehören für mich Folklore oder so genannte Unterhaltungsmusik
dazu. Aus der Liebe zur Folklore entstand meine ,Libanese Ouverture' - in
Anlehnung an Gershwins ,Cuban Ouverture'."
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